Der Vorgestzte als Coach oder: wo ist die Verantwortung?

Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatten zu arbeitsbedingten Stresskrankheiten und Personalausfällen führte die Online-Redaktion der Tagesschau ein Interview mit dem Industrie- und Techniksoziologen Prof. Dr. Günter Voß (Technische Universität Chemnitz). Dieser stellt das Problem in einen engen Zusammenhang mit der aktuellen Führungskultur in Deutschland.

Voß meint, dass die Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten hin zu einer Intensivierung von Arbeitsinhalten bei gleichzeitiger Kürzung von Arbeitsstellen und -zeitrahmen keine überraschende, sondern geradezu eine "konventionelle Weiterentwicklung" gewesen sei. Das Problem der daraus resultierenden Mitarbeiterbelastungen liege darin, dass mit diesem Fortschritt fehlerhaft umgegangen werde – vor allem auf den Führungsebenen. Der Arbeitnehmer hat heute prinzipiell mehr Freiräume durch offenere Arbeitsstrukturen, trage demgegenüber aber auch mehr Verantwortung. Wer in diesem veränderten Arbeitsrahmen nicht auch ausreichend Verantwortung gegenüber sich selbst zeigt, kann schnell zu "Selbstausbeutung" neigen, denn "Vorgesetzte sagen oft nicht mehr: 'Das war gut, es reicht jetzt, mach Feierabend'", so Voß.

Eine den veränderten Arbeitsbedingungen angepasste Führungskultur müsse daher Verantwortung gegenüber geführten Mitarbeitern übernehmen und diese vor Überlastungen schützen. "Ein Vorgesetzter muss heute eher ein Coach sein, ein Mentor, vielleicht auch ein Puffer der Mitarbeiter gegenüber Überlastungsdrohungen. Und ich beobachte oft, dass Vorgesetzte diese veränderte Aufgabe nicht wahrnehmen", sagt Voß weiter.

Durch die zunehmenden öffentlichen Debatten zu Burn-out und psychisch bedingten Krankheitsfällen sieht der Soziologe aber auch eine steigende Bewusstwerdung des Problems in Betrieben und Unternehmen. Da der Druck auf die Unternehmen und Betriebe immer größer werde, fangen diese an, "zu lernen, dass sie ihre Leute nicht einfach wie Zitronen auspressen können."

Aus meiner Sicht ist das natürlich eine Tatsache, der sich Unternehmen und hier im speziellen Führungskräfte nicht verschließen können.

Die andere Seite der Medaille ist aber auch die, dass jeder berufstätige Mensch aufgerufen ist, die Verantwortung für sein eigenes Wohlergehen zu übernehmen. Häufig erlebe ich eine Hilflosigkeit, die oberflächlich aus diffusen Ängsten des Jobverlustes resultiert. Ich frage mich aber, ob es nicht in vielen Fällen einfach bequemer ist, die Verantwortung dem Arbeitgeber oder der Führungskraft zu delegieren. Es ist halt einfacher, aus der Opferhaltung über eine Überlastung zu jammern, als selbst  etwas dagegen zu unternehmen. Mir ist bewusst, dass das hart klingen mag und sicher nicht für jede Situation der Überlastung zutrifft, doch – wie gesagt – es sind auch Erfahrungswerte…       

Autor: Alfred Freudenthaler, MSc

Alfred Freudenthaler, MSc

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