Echte Wertschätzung oder Führungstechnik?

Mit einer Führungskraft besprach ich das Ergebnis seines 360Grad-Feedbacks. Bei diesem Instrument geht es darum, dass sich die Führungskraft anhand bestimmter Kriterien selbst einschätzt und gleichzeitig auch von Mitarbeiter/-innen, Kolleg/-innen, Kund/-innen (jeweils anonym) und der eigenen Führungskraft eingeschätzt wird. Der Vergleich zwischen diesen Fremdbildern und dem eigenen Selbstbild liefert in der Regel interessante Erkenntnisse.

Meinen Coaching-Kunden überraschten speziell die Rückmeldungen seiner Mitarbeiter/-innen  – im negativen Sinn. Es zeigte sich deutlich, dass die Mitarbeiter/-innen Respekt und Wertschätzung von seiner Seite vermissten. Dieses Feedback machte ihn sehr betroffen, weil seine eigene Einschätzung ganz anders war.

Gemeinsam arbeiteten wir einige Aspekte heraus, die für das Vorhandensein von Respekt und Wertschätzung sprechen: z. B. eine positive Einstellung gegenüber dem Gesprächspartner (beispielsweise ihm zuzutrauen, gemeinsam eine gute Lösung für ein Problem finden zu können), Aufmerksamkeit für das, was ihn bewegt, echtes Interesse an der anderen Person und an ihrer Meinung sowie das Akzeptieren von Unterschieden.

Dem gegenüber stellten wir die Punkte, die einen Mangel an Respekt und Wertschätzung zeigen: z. B. keine Bereitschaft zum Zuhören, ein vorgefertigtes Bild der anderen Person, abwertende Aussagen oder Kommentare, persönliche Kritik ohne sachlichen Hintergrund, generelle Ablehnung von anderen Meinungen.

Hier wurde dem Kunden klar, wo das Problem liegen könnte. Er räumte ein, dass er sich in der Regel wenig Zeit nimmt für seine Mitarbeiter/-innen und schnell mit „negativen Bewertungen um sich wirft“.

Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass die Wertschätzung, die er (seiner Meinung nach) bisher seinen Mitarbeiter/-innen entgegen gebracht hatte, sehr „technisch“ war. Für ihn war Wertschätzung eher Mittel zum Zweck – und weniger eine innere Haltung. Das spürten die Mitarbeiter/-innen deutlich.

Gemeinsam haben wir noch ein schönes Stück Weg vor uns im Coaching-Prozess, doch wie heißt es so schön: Selbsterkenntnis ist der erste Schritt…

 

Bild: pixabay

Autor: Alfred Freudenthaler, MSc

Alfred Freudenthaler, MSc

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