Legastheniker haben Talente

Statistiken gehen davon, dass mindestens zwei Schüler in einem Klassenzimmer in Österreich Legastheniker sind. Die Betroffenen leiden nicht nur an den Symptomen, sondern sind auch mit jeder Menge Vorurteilen konfrontiert. Ich schreibe hier aus eigener Erfahrung. Beim Lesen fangen Buchstaben an zu hüpfen, Legastheniker sehen ihn von links, von rechts, von oben, von unten, von der Rückseite. Ihr geistiges Auge fährt um den Buchstaben herum, kreist ihn ein, als wäre dieser ein Gegenstand im Raum. Gleichzeitig arbeitet das Hirn auf Hochtouren, um nur ein einziges Wort erkennen zu .
Als Schülerin vertauschte ich selbst Buchstaben und hatte Schwierigkeiten Rechenwege nachzuvollziehen. Doch ich konnte komplex denken und ungewöhnliche Lösungen finden. Ich wusste das Ergebnis komplizierter Aufgaben, aber nicht den Lösungsweg dorthin. Legastheniker sind mitnichten dumm. Sie haben auch keine lange Leitung oder sind schwer von Begriff. Sie müssen sich nur einfach unglaublich anstrengen, während Lesen – egal ob laut oder leise – für andere ein Kinderspiel ist.

Legasthenie ist keine Krankheit und keine Behinderung.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet Legasthenie als eine Störung im Erlernen der Schriftsprache, die nicht durch eine allgemeine Beeinträchtigung der geistigen Entwicklungs-, Milieu- oder Unterrichtsbedingungen erklärt werden kann. Die genaue Definition finden Sie hier. Wenn sich Legastheniker auch mit dem Lesen schwertun, auf der anderen Seite haben sie oftmals große Talente. Ronald D. Davis, Legastheniker und Autist, hat mit „Legasthenie als Talentsignal“ ein Buch geschrieben, das als Standartwerk zum Thema gilt. Er sagt: „Während das alles passiert und die Zukunft hoffnungslos erscheint, verliert der Legastheniker seine ursprüngliche Begabung nicht, einen Gegenstand oder eine Situation auf den ersten Blick genau zu erfassen. Er fährt fort, die Welt zu beobachten und entwickelt ein tiefes intuitives Verständnis von den Strukturen und Prozessen, die den Erscheinungen zugrunde liegen. Er besitzt Phantasie und Erfindungskraft. Er ist ein Augenmensch und lässt sich stark von seinem Bewegungssinn leiten. Er kann selbstständig denken und schnell reagieren.“

Deswegen ist es auch oftmals so, dass Legasthenikern dazu neigen einfaches sehr kompliziert zu gestalten, weil schwieriges für sie machbarer ist. Langsames Lesen ging bei mir beispielsweise nie und es hat lange gedauert, bis mir jemand klarmachte, dass ich dafür unglaublich schnell lesen kann. Wenn also Klienten, die zu mir kommen auf eine bestimmte Weise kompliziert denken, dann weiß ich zu 99 Prozent genau, wie ich helfen kann. Weil ich ihre Situation sehr gut kenne. Zu sehen, wie sich dann ihre vermeintlichen Schwächen in Stärken umwandeln, ist wundervoll.

Ich freue mich auf Sie, Ihre Juliane Müller


Foto pixabay

Autor: Juliane Müller

Juliane Müller

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