Mäßigung, eine hilfreiche „alte“ Tugend für unsere moderne Zeit

Zum Einsatz und der Diskussion der Tugend der Mäßigung im Coaching bin ich durch „Zufall“ gekommen. Ein Klient von mir und ich sind gleichzeitig auf ein Buch durch einen SN-Artikel aufmerksam geworden – durch unser gemeinsames Interesse an Philosophie, wie sich herausstellte.

Im Coaching ging es um Entlastung, Entschleunigung, Zeitsouveränität etc. Da bot sich – auch passend in die Fastenzeit – die Tugend der Mäßigung als Arbeitsmetapher an.

Wo kommt das Wort her? Aus dem altgriechischen Wort „Maß“ = „sophrosyne“, das mit besonnener Gelassenheit übersetzt wird. Es stammt vom Wort „sophron“ ab und bedeutete ursprünglich „vom gesunden Verstande“ (habe ich aus dem u. a. Buch von Thomas Vogel „Mäßigung. Was wir von einer alten Tugend lernen können“ entnommen).

In der Philosophie beschäftigt sich das Konzept der Mäßigung mit der Entwicklung von Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung. Also ein Kontext, der für dieses Coaching einen sehr passenden Rahmen abgibt. Wir einigten uns auf das Motto „Mäßigung“ in Form der individuell passenden Dosis als Anker bzw. Maßstab.

Der Arbeitsalltag meines Coaching-Kunden war aus dem Lot geraten, lt. seinen Aussagen hatte er das Gespür für sein rechtes Maß wohl schon seit Jahren verloren. Getrieben von früheren sehr guten Erfolgen, immer höheren Zielen, von einem Change zum anderen, einer ständig steigenden Arbeitslast und dem sich immer stärker werdenden Gefühl, nichts mehr wirklich fertig- bzw. weiterzubringen – sein Führungsleben fühlte sich in hohem Maße fremdbestimmt an. „Wie komme ich da (Anm. Hamsterrad) raus, ohne gleich alles hinzuschmeißen?“, so eine seiner Aussagen im Vorgespräch.

Im ersten Schritt ging es um das Schaffen der Veränderungs- und Neugestaltungs-Basis:

  • Was ist trotz allem gut und soll bleiben?
  • Wo sind gute Ansätze da, deren Stärkung die positive Entwicklung unterstützt?
  • In welchen Punkten braucht es die Veränderung (in welcher Dosis und in welche Richtung)?
  • Und was ist tatsächlich zu eliminieren?

Bezogen auf eigene Verhaltensweisen bedeutet dies:

  • Wo bin ich bereit, mich zu formen? Hier übernehme ich gerne die Aussage von Frau Dr. Hadinger vom Institut für Existenzanalyse: „Wo bin ich bereit, mich zu korrigieren, in dem einen oder anderen Punkt, wo ich wirklich nicht bekömmlich bin (für mich und andere!)?“
  • Gibt es Stärken, die ich überzogen einsetze bzw. lebe? Wo macht es Sinn, mich bzw. meinen Energieeinsatz zurückzunehmen?
  • Was lebe ich zu wenig und gehört daher ge- bzw. verstärkt?

Aus diesem ersten Schritt ergaben sich die Coaching-Ziele, insgesamt fünf an der Zahl. Hier gebe ich die Ziele auf der  Meta-Ebene wieder (für das Coaching haben wir die fünf Ziele natürlich konkret und überprüfbar ausformuliert):

  • Finden des reflektierten Umgangs mit den Situationen im Fokus
  • Den eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen den notwendigen Raum geben
  • Sich aus besonders einengenden Spannungsfeldern befreien
  • So viel Souveränität wie möglich zurückgewinnen

Die nächsten Schritte:

Er erinnerte sich an ein mehrwöchiges Programm der Achtsamkeit (MBSR, Mindfulness Based Stress Reduction nach Jon Kabat-Zinn), das er vor Jahren absolviert hatte. Er nimmt sich vor, zwei Übungsteile daraus je 2 x die Woche anzuwenden. Das Ziel dabei ist, wieder ein Gespür für den eigenen Körper zu entwickeln und bewusst wahrzunehmen, was im Moment gerade abläuft (daraus folgernd unliebsame Automatismen ausschalten können).

In der Folge begannen wir mit dem „Entrümpeln“ der ausgewählten Bereiche (u. a. Terminplan, To-do-Listen, Arbeitsplatz, Besprechungszeiten, Projekte etc.) für das Schaffen der erforderlichen Freiräume.

Damit einher geht das Reflektieren nicht hilfreicher Annahmen über die Wirklichkeit, einengender Glaubenssätze, limitierender Emotionen etc. – was die durchaus tiefgründigere Arbeit ist und die Voraussetzung für die angestrebten Änderungen schafft.

Der Coaching-Prozess läuft, wir sehen einer sehr positiven Bilanz am Ende der Fastenzeit entgegen!

Literatur:

Thomas Vogel: Mäßigung. Was wir von einer alten Tugend lernen können. oekom-Verlag, München, 2018.

Jon Kabat-Zinn & Ulrike Kesper-Grossman: Stressbewältigung durch die Praxis der Achtsamkeit. Arbor-Verlag.

 

Bild: c Manuela Henöckl, mit freundlicher Genehmigung

 

Autor: Mag. Elisabeth Stöllinger

Mag. Elisabeth Stöllinger

Homepage: http://www.stoellinger.at

Telefon: +43-676-4324899

Weitere Infos siehe Mag. Elisabeth Stöllinger

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