Was sagt die Erholungsforschung zum 12-h-Arbeitstag?

Schade, dass die aktuelle Arbeitszeit-Diskussion in einer derart scharfen Auseinandersetzung gipfelt. Mit etwas weniger Ideologie könnte man wohl beides bewerkstelligen:

  • Flexibilität dann, wenn sie unbedingt notwendig oder ausgesprochen gewollt ist
    und
  • die Errungenschaften der bestehenden Arbeitszeitregelungen für die Gesundheit am Arbeitsplatz erhalten.

Verständlich, dass zu manchen Zeiten ein Flexibilisierungswunsch auftritt. Entscheidend dabei ist die Dosis! Denn die Erholungsforschung liefert ganz konkrete Ergebnisse, was das gesundheitlich verträgliche Arbeitszeitausmaß anbelangt:

Wochenarbeitszeit – psychische Gesundheit – Wohlbefinden

Arbeitszeit und Wohlbefinden: ab 50/55 Stunden pro Woche werden die Menschen immer erschöpfter. Lt. einer jüngsten australischen Studie ist das Wohlbefinden für Frauen (N= 4062) bei 38 h/Woche am höchsten und bei Männern (N= 3828) bei 43,5 h/Woche. Dies ist die optimale Wochenarbeitszeit. Bei vermehrten privaten Verpflichtungen sind ca. 5 Stunden weniger pro Woche günstig; bei weniger privaten Verpflichtungen kann die Arbeitszeit ca. 5 Stunden länger sein. Lebensphasenorientierte Arbeitszeitmodelle wären hier die passende Antwort.

Wochenarbeitszeit und Gesundheitsgefährdung

Die jüngste US-Längsschnittstudie zu „Wochenarbeitszeit & Erkrankung“ zeigt auf, dass bei jemandem, der 10 Jahre lang 52 Stunden und mehr gearbeitet hat, das Risiko für eine Erkrankung signifikant erhöht ist. Der Cut tut sich bei ca. 50 Stunden auf, ab da wird es krankheitsgefährdend, so steigt z. B. das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um die 30-40%, das für Krebs sogar um 60 % und das generelle Erkrankungsrisiko erhöht sich um 20 %.

Betrachtet man die Stunden-Verteilung für Arbeit, Fahrtzeit, Freizeit/Erholung, Familie, Pflege und Schlaf, so zeigt sich, dass bei einer Arbeitszeit  ab 10 Stunden die tägliche Erholungszeit wegfällt.  Bei 12 Stunden Arbeitszeit wird sogar dem Schlaf 1 Stunde abgezapft. Bei einer Arbeitszeit von 2 x 12 Stunden braucht es dann 3 freie Tage zur Erholung.

Für die Altersgruppe 55+ gilt: haben Arbeitnehmer/innen 55+ zu wenig Zugang zu Freizeit, besteht ein deutlich höheres Risiko für Erkrankungen. Haben  AN 55+ hingegen die notwendige Erholungszeit, so bleibt ihre volle Produktivität aufrecht. Dieser spezifische Zusammenhang ist unbedingt zu beachten, denn ohne diese Zusatzinformation könnten Vorurteile gegen ältere Arbeitnehmer/innen genährt werden.

Tagesarbeitszeit und Unfallhäufigkeit

Lt. der mit epidemiologischen Arbeitsunfallzahlen fundierten Studie von Tucker et al (2003) steigt das  Unfallrisiko nach der 10. Stunde signifikant an. Bis 9 h ist es o. k. – Natürlich unter Berücksichtigung der entsprechenden Arbeitspausen.

Resümee

  • Also kann es wohl nur im Interesse aller liegen, den 12-Stunden-Arbeitstag (vor allem die 60-h-Woche) zwar in kurzfristigen Ausnahmefällen in Anspruch zu nehmen, dies jedoch keinesfalls zur Regel zu machen.
  • Als Arbeitspsychologin und Coach appelliere ich an das positive Selbstmanagement, die langfristige Perspektive im Auge zu behalten und dabei der Gesundheit den Vorzug zu geben.

 

Quelle der statistischen Zusammenhänge/Studien und wissenschaftlichen Kernaussagen: Dr. Gerhard Blasche von der Medizinischen Universität Wien im Rahmen eines Vortrags bei einem ÖGAWO-Netzwerktreffen.

Bild: Manuela Henöckl – mit freundlicher Genehmigung

Autor: Mag. Elisabeth Stöllinger

Mag. Elisabeth Stöllinger

Homepage: http://www.stoellinger.at

Telefon: +43-676-4324899

Weitere Infos siehe Mag. Elisabeth Stöllinger

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