Wenn ein Mitarbeiter suizidgefährdet ist …

Eine Führungskraft erzählt mir im Coaching von einem Mitarbeiter, um den er sich große Sorgen macht. Er hört von ihm Aussagen wie „Hat eh alles keinen Sinn mehr“, „Wozu das alles“ oder „Ich will nicht mehr.“

Die Führungskraft beschreibt den Mitarbeiter als zuverlässig und eher ruhig. In der letzten Zeit kamen allerdings einige belastende Faktoren zusammen: Scheidung kurz vor dem ersten Lockdown (seither sieht er seine Kinder kaum mehr), Tod seines Vaters (Covid), finanzielle Probleme und nicht zuletzt eine zunehmende Vereinsamung in seiner kleinen Wohnung durch Home Office.

Typische Alarmsignale

  • Rückzug von Freunden und Familie
  • Verhaltensveränderungen, z. B. Vernachlässigung des Körpers (Hygiene), aggressives Auftreten oder völlige Passivität
  • Aufgabe von gewohnten Aktivitäten (z. B. Hobbies)
  • Wirkt hoffnungslos und verzweifelt
  • Beschäftigung mit dem Thema Tod an sich (lesen, Musik) und Suizid-Methoden (Google)
  • Andeuten eines Todeswunsches inkl. Abschiedshandlungen (Abschiedsgeschenk, Abschiedsbesuch)
  • Selbstverachtung
  • Selbstschädigendes und leichtfertiges Verhalten (z.B. beim Autofahren)
  • Plötzliche Gelöstheit nach einer Phase tiefer Depression (könnte darauf hindeuten, dass der Entschluss gefasst wurde.

 Fakten:

  • Die meisten Menschen, die sich das Leben nehmen, leiden unter einer Depression und haben sich vorher intensiv mit diesem Schritt auseinandergesetzt. Kurzschlusshandlungen ohne Vorwarnung gibt es vor allem im Jugendalter und bei Psychosen.

Achten Sie daher umso genauer auf die oben dargestellten Alarmsignale!

  • Mehr oder minder direkte Anspielungen auf einen Suizid sind sehr häufig ein Zeichen dafür, dass jemand tatsächlich darüber nachdenkt.

Nehmen Sie solche Äußerungen ernst!

  • Menschen mit Suizidgedanken sind in der Regel froh, offen darüber sprechen zu können. Anders als Medienberichte über erfolgte Suizide verstärkt solch ein Gespräch die Suizidabsicht in der Regel nicht.

Wenn Sie Alarmsignale erkannt haben, suchen Sie so bald wie möglich das Gespräch darüber. Beginnen Sie mit Ihren Wahrnehmungen („Mir ist aufgefallen …“) und Gefühlen („Ich mache mir Sorgen um dich“). Sprechen Sie das Thema „Suizidgedanken“ im Laufe des Gesprächs direkt an. Beispiel: „Bist du manchmal so verzweifelt, dass du am liebsten nicht mehr leben möchtest?“

  • Wer an einen Suizid denkt, sieht den als seinen einzigen Ausweg aus einer für ihn unerträglichen Situation.

Verzichten Sie auf billigen Trost („Das wird schon wieder!“), leicht dahingesagte Ratschläge („Sieh dich doch mal auf einer Dating-Plattform um!“) und moralische Appelle („Denk doch an deine Kinder!“). Wenn es so einfach wäre, dann wäre der Betroffene selbst darauf gekommen! Ihr Ziel sollte es sein, erst einmal verstehen zu wollen, wie sich Ihr Gegenüber fühlt.

  • Professionelle Hilfe ist erforderlich und hilfreich. Aber viele Betroffene schaffen es nicht – aus welchen Gründen auch immer -, sich diese Hilfe zu holen.

Sprechen Sie daher die Möglichkeiten (Krisenintervention, Beratungsstellen, Facharzt für Psychiatrie etc. – siehe auch die Links am Ende des Beitrages) nicht nur allgemein an, sondern suchen Sie konkrete Adressen heraus. Bieten Sie dem Betroffenen an, für ihn dort anzurufen und – falls möglich – ihn dorthin zu begleiten. Hat der Betroffene Vertrauen zu seinem Hausarzt, kann auch der ein guter erster Ansprechpartner sein. Bleiben Sie unbedingt dran!

  • Suizidgedanken sind nicht immer gleich stark.

Sie können den Betroffenen nicht 24 Stunden am Tag „bewachen“. Erarbeiten Sie daher mit ihm gemeinsam, wie er sich verhalten kann, wenn sich die schwarzen Gedanken wieder in den Vordergrund drängen. Welche Aktivitäten tun ihm dann gut? Wen in seinem Umfeld kann er in solchen Situationen anrufen?

  • Äußerst kritisch wird es, wenn sich jemand bereits mit möglichen Methoden für einen Suizid beschäftigt.

Haben Sie den Eindruck, jemand könnte kurz vor der Tat stehen, nehmen Sie Kontakt auf mit einer Kriseninterventionsstelle und besprechen Sie die nächsten Schritte. Alternativ verständigen Sie den Rettungsdienst oder die Polizei. Recherchieren Sie prophylaktisch, wohin Sie sich im Notfall wenden könnten, und speichern Sie die Telefonnummern in Ihrem Smartphone.

 

Weiterführende Informationen:

https://www.gesundheit.gv.at/leben/suizidpraevention/anlaufstellen/inhalt

https://www.sozialministerium.at/Themen/Gesundheit/Nicht-uebertragbare-Krankheiten/Psychische-Gesundheit/Suizid-und-Suizidpr%C3%A4vention-SUPRA.html

https://www.gesundheit.gv.at/leben/psyche-seele/krisenintervention/krisenhilfe

 

Foto: TmKvonEnd auf pixabay

Autor: Alfred Freudenthaler, MSc

Alfred Freudenthaler, MSc

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